Foucault - Der Wille zum Wissen Kommentar
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Version vom 17:00, 4. Mär 2010; 160.45.142.37 (Diskussion)
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Zentrale These des Bandes ist, dass die Behauptung, mit Ende des 17. Jahrhunderts eine große Repression der Sexualität einsetzte ("Repressionshypothese", S. 17f.), von des es sich zu befreien gelte, ein Mythos ist. Foucault attestiert stattdessen eine Explosion von sexualitätszentrierter Diskurse sowie einen damit einhergehenden Zwang zum Geständnis.
Einige interessante Stellen:
- "Eine Doppelentwicklung zielt darauf, das Fleisch zur Wurzel aller Sünden zu machen und gleichzeitig das wichtigste Moment vom Akt selber auf jene so schwer wahrnehmbare und formulierbare Wirrnis des Begehrens zu verschieben. (...) Nichts soll mehr der Formulierung entgehen, auch wenn die Worte, deren sie sich bedeint, sorgfältig neutralisiert sein müssen." (S. 24-25)
- "Man darf also nicht schlechthin von der fortgesetzten Zunahme des diskursiven Wachstums reden, sondern muß darin eher eine Verstreuung der Brennpunkte, an denen diese Diskurse gehalten werden, eine Veränderung ihrer Formen und eine komplexe Ausbreitung ihres Verbindungsnetzes sehen. (...) Die modernen Gesellschaften zeichnen sich nicht dadurch aus, daß sie den Sex ins Dunkel verbannen, sondern daß sie unablässig von ihm sprechen und ihn als das Geheimnis geltend machen." (S. 39-40, Herv. i. Orig.)
- "Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies." (S. 47)
- "Lust und Macht heben sich nicht auf, noch wenden sie sich gegeneinander, sondern übergreifen einander, verfolgen und treiben sich an." (S. 52)
- "Unsere Zivilisation besitzt, zumindest auf den ersten Blick, keine ars erotica. Dafür ist sie freilich die einzige, die eine scientia sexualis betreibt." (S. 61, Herv. i. Orig.)
- "Wenn die Pflicht, ihn zu verbergen, nur ein Aspekt der Pflicht wäre, ihn zu gestehen. (...) Wenn der Sex in unserer Gesellschaft nun schon seit mehreren Jahrhunderten unter der nimmermüden Herrschaft des Geständnisses stünde? (...) Nun ist das Geständnis ein Diskursritual, in dem das sprechende Subjekt mit dem Objekt der Aussage zusammenfällt, und zugleich ist es ein Ritual, das sich innerhalb eines Machtverhältnisses entfaltet, denn niemand leistet sein Geständnis ohne die wenigstens virtuelle Gegenwart eines Partners, der nicht einfach Gesprächspartner, sondern Instanz ist, die das Geständnis fordert, erzwingt, abschätzt und einschreitet, um zu richten, zu strafen, zu vergeben, zu trösten oder zu versöhnen; Ein Ritual, in dem die Wahrheit sich an den Hindernissen und Widerständen bewährt, die sie überwinden mußte, um zutage zu treten;" (S. 64-65)
- Gründe für die "maßlose und traditionsreiche Erpressung des sexuellen Geständnisses in wissenschaftlichen Formen zu konstitituieren" (S. 68ff.):
- Abhorchtechnik: "Durch eine klinische Kodifizierung des 'Sprechen Machens'"
- Kausalitätspostulat: "Durch das Postulat einer allgemeinen und diffusen Kausalität: (...) Die unbegrenzten Gefahren, die vom Sex her drohen, rechtfertigen die erschöpfende Inquisition, der man ihn unterwirft"
- Latenzprinzip: "Durch das Prinzip einer der Sexualität innnewohnenden Latenz: (...) weil das Funktionieren des Sexes selbst dunkel ist"
- Interpretationsregel: "Durch die Methode der Interpretation: (...) die Enthüllung des Geständnisses muß er durch die Entzifferung seines Gehaltes verdoppeln."
- Medizinisierungsimperativ: "Durch die Medizinierung der Wirkungen des Geständnisses: die Erlangung des Geständnisses und seine Wirkungen werden in Form therapeutischer Operationen recodiert."
- "Die Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt. (...) die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht. (...) Die Rationalität der MAcht ist die RAtionalität von Taktiken, die sich in ihrem beschränkten Bereich häufig unverblümt zu erkennen geben - lokaler Zynismus der Macht -, die sich miteinander verketten, einander gegenseitig hervorrufen und ausbreiten, anderswo ihre Stütze und Bedingung finden und schließlich zu Gesamtdispositiven führen: auch da ist die Logik noch vollkommen klar, können die Absichten entschlüsselt werden - und dennoch kommt es vor, daß niemand sie entworfen hat und kaum jemand sie formuliert: implizier Charakter der großen anoynmen Strategien, die, nahezu stumm, geschwätzige Taktiken koordinieren, deren "Erfinder" doer Verantwortliche oft ohne Heuchelei auskommen." (S. 94-95)
- Vier Regeln in Form von Vorsichtsregulativen (S. 98 ff.):
- Regel der Immanenz: "Zwischen Wissenstechniken und Machtstrategien besteht keine Äußerlichkeit, auch wenn sie jeweils ihre spezifische Rolle haben und sich von ihrer Differenz aus aneinanderfügen."
- Regel der stetigen Variationen: "Die Beziehungen des Macht-Wissens sind nicht feste Verteilungsformen, sondern "Transformationsmatrizen"
- Regel des zweiseitigen Bedingungsverhältnisses: "in dem eine Strategie durch besondere Taktiken ebenso ermöglicht wird, wie die Takitken durch die Gesamtstrategie in Gang gesetzt werden."
- Regel der taktischen Polyvalenz der Dsikurse: "Als dann in in der Psychiatrie, in der Jurisprudenz, auch in der Literatur des 19. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Diskursen über die Arten und Unterarten der Homosexualität, der Widernatürlichkeit, der Päderastie, des "psychischen Hermaphrodismus" aus dem Boden schossen, hat das gewiß zu einem starken Vormarsch der sozialen Kontrollen auf jenem Gebiet der "Perversitäten" geführt; es hat aber auch die Konstitution eines Gegen-Diskurses ermöglicht: die Homosexualität hat begonnen, von sich selber zu sprechen, auf ihre Rechtmäßigkeit oder auf "Natürlichkeit" zu pochen - und dies häufig in dem Vokabular und in den Kategorien, mit denen sie medizinisch disqualifiziert wurde. Es gibt nicht auf der einen Seite den Diskurs der Macht und auf der anderen Seite den Diskurs, der sich ihr entgegensetzt. Die Diskurse sind taktische Elemente oder Blöcke im Feld der Kraftverhältnisse: es kann innerhalb einer Strategie verschiedene und sogar gegensätzliche Diskurse geben; sie können aber auch zwischen entgegengesetzten Strategien zurkulieren, ohne ihre Form zu ändern.
- Vier große strategische Komplexe nach dem 18. Jahrhundert, die um den Sex spezifische Wissens- und Machtdispositive entfalten (s. 103 ff.):
- Hysterisierung des weiblichen Körpers
- Pädagogisierung des kindlichen Sexes
- Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens
- Psychiatrisierung der perversen Lust
- "Vermittelst der Pädagogik, der Medizin und der Ökonomie machte sie (die Technologie des Sexes im Gegensatz zur Thematik der Sünde, Anm. L.D.) aus dem Sex nicht nur eine Laiensache, sondern eine Staatssache." (S. 115)
- "Vom Adel verwendete Verfahren zur Markierung und Wahrung seines Standesunterschiedes wurden übernommen und in andere Formen übersetzt. (...) Das "Blut" der Bourgeoisie war ihr Sex. (...) Aus der Sorge um den Stammbaum wurde die Besorgnis um die Vererbung." (S. 122)
- Krieg ewerden nicht mehr im Namen eines Souveräns geführt, der zu verteidigen ist, sondern im Namen der Existenz aller. Man stellt ganze Völker auf, damit sie sich im Namen der Notwendigkeit ihres Lebens gegenseitig umbringen." (S. 133)
